Neues zu Motivstrukturen existenzgründender Best-Ager

Motivklärung erfolgt bei vielen Gründern entweder gar nicht oder oft nur retrospektiv: Gründer machen sich nicht selten erst dann, wenn es zu spät ist, ihre Gründungsmotive bewusst. Es zeichnet sich jedoch ab, dass diejenigen Gründer, die in Gründungs-Coaching-Prozessen ihre Motive bereits vor oder während der Gründung geklärt haben, am Ende erfolgreicher sind. Sicher ist: Existenzgründungen aus der wirtschaftlichen Notlage heraus [Flucht in die Selbstständigkeit] werden häufig jedoch geringere Chancen eingeräumt, da der unternehmerische Geist fehlt. Umgekehrt scheint die Ermittlung persönlicher Motive und Werte einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren für Gründer zu sein. Wie können die Motive zur Existenzsicherung beschrieben werden?

Motivgruppe 1. Selbstständigkeit als Erwerbs- und Lebensform: Die Ein-Personen-Selbstständigen mit diesem Beweggrund sind nahe an der ‚Ökonomie der Selbstverwirklichung’ anzusiedeln (…). Die Personen, die diesem Beweggrund zugeordnet werden können, haben eine selbstständige Erwerbsform aktiv angestrebt undsehen sie als Optimierung von Erwerbs- und Lebenszielen.

Motivgruppe 2. Selbstständigkeit als Eigenprojekt: Die Selbstständigkeit wird potenzialorientiert als die persönliche Chance wahrgenommen und mit persönlichem Autonomiegewinn verbunden. Aus einer Notsituation (Arbeitslosigkeit beziehungsweise drohende Arbeitslosigkeit) heraus entstanden, wird vorsichtig experimentierend vorgegangen und die Erwerbsform als Eigenprojekt und damit als Herausforderung zwischen Wagnis und Experiment gesehen.

Motivgruppe 3. Selbstständigkeit als Anpassungsstrategie: Die selbstständige Erwerbsform ist in dieser Motivgruppe ein Produkt von Gelegenheitsstrukturen. Die Personen fühlen sich weniger von der Selbstständigkeit und der damit verbundenen Weisungsungebundenheit angezogen, vielmehr folgen sie pragmatisch erwogenen Optionen des Arbeitsmarktes. Die Selbstständigkeit wird als biografische Phase und Übergang bis zur Rückkehr in eine abhängige Beschäftigung gesehen. Damit ist eine Orientierung am Normalitätsmuster abhängig Beschäftigung verbunden.

Motivgruppe 4. Selbstständigkeit wider Willen: Zu dieser Motivgruppe zählen Personen, die vom früheren Arbeitgeber outgesourced wurden und deren Selbstständigkeit nicht auf Eigeninitiative zurückgeht, als auch Personen, die zwar freiwillig diese Erwerbsform gewählt haben, aber unter Verhältnissen, die subjektiv als aufgenötigt empfunden werden. Angesichts fehlender Alternativen auf dem Arbeitsmarkt wird die Selbstständigkeit als einzige Chance und geringeres Übel bewertet. Nach der Einsicht Sie wissen es nicht, aber sie tun es muss davon ausgegangen werden, dass manche Gründer kein klares Motiv für ihre Selbstständigkeit haben, jedenfalls kein rational nachvollziehbares. Deren Suche nach dem beruflichen Glück ähnelt mehr einem Roulettespiel als der notwendig strategischen Planung eines Gründers. Sie wissen nicht, was sie tun sollen nach dem Outsourcing, nach dem Erreichen der intern gesetzten Altersgrenze ihres Unternehmens, oder den Altersgrenzen, die durch den Staat verordnet werden. Sie sind indifferent, weil sie sich letztlich nicht damit arrangieren können, ihre alte Funktion für immer verloren zu haben. Und sie verhalten sich so, als wären sie absolut klar in ihren Zielen. Die Personen dieser Motivgruppe fühlen sich stigmatisiert (Misserfolgsempfindung oder noch schlimmer: das Erleben einer dauerhaften Niederlage bis hin zur Einschätzung eines verfehlten Lebens.)

Motivgruppe 5. Selbstständigkeit als Demotivstruktur der Indifferenz: Im Unterschied zur Motivgruppe 4 sehen sie die Selbstständigkeit insgeheim nicht als einzige Chance oder geringeres Übel, sondern sie erleben sich selbst als chancenloses Opfer eines übermächtigen Machtspiels im Wirtschaftssystem. Im Kern sind diese Personen resignierte Aussteiger, geben sich aber nach außen als Existenzgründer, um ihr Scheitern nicht eingestehen zu müssen, auch nicht sich selbst gegenüber.

Motivgruppe 6. Verantwortung für andere, speziell als Unternehmer: Hier wird die Selbstständigkeit potenzialorientiert als die persönliche Chance wahrgenommen und mit persönlichem Autonomiegewinn verbunden. Auch hier kann aus einer Notsituation vorsichtig experimentierend vorgegangen, und die Erwerbsform als Eigenprojekt und damit als Herausforderung zwischen Wagnis und Experiment gesehen werden. Im Unterschied zur Gruppe 2 wird jedoch der Wandel von der Einzelfirma zum Arbeitgeber virulent, wodurch die Handlungsrolle von der Selbstverantwortung zur Verantwortung für andere wechselt. Die größte zu überwindende Schwierigkeit der Personen dieser Gruppe dürfte der Einstieg in die Risikobereitschaft sein, die diesmal nicht an das Selbst gebunden ist, sondern an mitarbeitende Andere – und die mit dem Einsatz des persönlichen Kapitals (im Sinne von Geldmitteln) verbunden ist, das im Falle eines Gründungsmisserfolgs ersatzlos verloren ist.

(gekürzt übernommen aus: Woelky, Gunter: Existenzgründung für ehemalige Führungskräfte der Medienwirtschaft – eine Alternative der Personengruppe Best Ager? Berlin/Osnabrück 2008, S. 99-102, dort auch Quellenangaben).

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